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Betreff: Re: Klasse hört nicht auf mich

Dr G. (89.245.67.*) schrieb am 22.10.13 um 19:30 Uhr

Ibili wrote:
>
> Ich bin eine junge lehrerin und bin total überfordet
> mit der situation.sie hören schon herraus, dass das
> lehrer dasein nicht leicht für mich ist.ich bitte um
> erfahrene hilfe von kollegen oder müttern
>
>
> mit freundlichen grüßen Ibili
>

Hallo Ibili,

ein gängiges Problem, leider. Hier ein paar Anregungen, ohne Gewähr für Wirksamkeit:

- die Namen aller Schüler lernen, besser noch einen Sitzplan benutzen, alle mit Namen ansprechen, so früh wie möglich,

- jedem/r das Gefühl geben, jederzeit aufgerufen werden zu können (klingt übel, führt aber zu Aufmerksamkeit und damit langfristig zu mehr Lernerfolg, eine win-win Situation),

- Drannehmen nach Zufalls-, nicht nach Listenprinzip (d.h. nicht alphabetisch, nicht nach Sitzplan),

- nicht vom Thema ablenken lassen. Lassen Sie lange Ermahnungen sein, mit denen Störer das Ziel nur erreichen, keinen Unterricht zu haben, im Zweifel nachfragen,was das mit dem Thema zu tun hat (darauf eine englische Antwort verlangen!),

- alle sich (ggf. gegenseitig) vorstellen lassen, ihre Stärken nennen lassen, selbstverständlich auf Englisch,

- viel Abwechslung reinbringen: Wechsel der Sozialform, auch langsam an Partnerarbeit (PA) und Gruppenarbeit (GA) gewöhnen,

- für Aufgaben immer ein Zeitlimit setzen, und zwar ein eher knappes; bei Unruhe die Arbeitszeit verkürzen, denn offensichtlich sind alle fertig, nicht wahr?

- Hausaufgaben (mindestens) am Schuljahresanfang konsequent überprüfen, für die Zeit eine Stillaufgabe verteilen, dann selbst rumgehen mit Namensliste / Notenbuch oder die SuS alphabetisch zum Pult kommen lassen,

- an Elternsprechtagen darauf bestehen, dass alle Unterrichtsunterlagen komplett mitgebracht werden und alle Beteiligten (beide Eltern und der Sprössling) über alle schriftliche Noten informiert sind. Sollten Hausaufgaben, Mitschriften oder Korrekturen fehlen, kürzen Sie das Gespräch drastisch ab, denn der Grund für Mißerfolg ist damit hinreichend erklärt,

- die SuS zum Sprechen bringen,

- volljährige SuS kann man zum 'Ausdiskutieren' ihrer Privatangelegenheiten (= Fragen, die Störer öffentlich nicht fragen wollen) vor die Tür schicken, das hilft allen, die Konzentration hoch zu halten,

- auf Meldung per Handzeichen bestehen, keine chaotischen Beiträge akzeptieren,

- Sie und niemand anderes führen den Unterricht, das mag banal oder autoritär in Ihren Ohren klingen, aber es ist unser Beruf. Lassen Sie sich das nicht wegnehmen - Autorität, die Sie verleihen, bekommen Sie immer beschädigt zurück,

- belohnen Sie alle Fortschritte im 'richtigen' Verhalten (aufmerksam, fragend, antwortbereit, Vokabeln gelernt etc.) bald, loben Sie die Klasse auch am Ende der Stunde, wenn es besser gelaufen ist als sonst. In manche Oberstufenklasse nehme ich Schokolade oder Gummibärchen mit (kein Witz, manchmal mache ich das),

- nicht jedesmal loben, nicht für Selbstverständliches loben,

- denken Sie gelegentlich an Ihre Körpersprache und Sprechweise. Wenn Sie verzagt und ängstlich aussehen, werden die Raubtiere über Sie herfallen ;-) , wenn Sie immer lauter sprechen oder dauernd sprechen, stehen Sie im Wettbewerb mit den Klassenlautesten... viel Glück... Sprechpausen machen, leiser sprechen, nicht endlos wiederholen.


Uff, irgendwas vergessen?

Ach ja: vieles am Lehrerberuf ist Handwerkszeug und damit lernbar. Lassen Sie sich als Anfängerin nicht einreden, Sie seien für den Beruf nicht geeignet. Das wird sich frühestens nach einigen Jahren zeigen.

Es ist nicht ihr Job, von allen SuS gemocht zu werden, sondern ihnen etwas beizubringen (auch Manieren). Und: gute Unterstützung durch KollegInnen hilft sehr, es geht ja nicht nur Ihnen so, Sie sind beileibe nicht die Einzige. Bedenken Sie, gerade Anfängern werden oft die schwierigsten Klassen gegeben.

Und nicht zuletzt: suchen Sie auch zuhause Unterstützung.


Schöne Grüße aus meinem unterrichtsfreien Arbeitszimmer (NRW hat Ferien) schickt Ihnen

Dr G.

P.S. zum Trost: ich bin ebenfalls 'Junglehrer im verflixten 7. (Schul-) Jahr', kenne Ihre Probleme und werde sie vermutlich noch lange kennen. Wie sagte (m)ein Ausbildungslehrer: "you want praise from your students? Got the wrong job!" - Es gibt übrigens gute Fachliteratur zum Thema. Viel Erfolg, viel Mut.

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